Nachbarschaft die Frieden schafft

Vor 20 Jahren hat sich die Initiative „Ökumenischer Freundeskreis Aussiedler“ mit Aktiven aus den Katholischen und Evangelischen Kirchengemeinden hier in Riedlingen zusammengefunden, um unter beherztem Einsatz zahlreicher ehrenamtlich Tätigen, die seit 1989 in großer Zahl auch hier eintreffenden deutschstämmigen Spätaussiedlern aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion (v.a. Kasachstan, Russland und Kirgisien) zu begrüßen und zu unterstützen bei den ersten Schritten in der unbekannten Heimat.

 

Am Nötigsten waren zu Beginn die ganz praktischen Hilfen: Begrüßung in den Übergangswohnheimen, Wo sind andere Familienangehörige untergekommen? Wohnraum finden, Hausrat, Möbelkammer, Kleiderkammer, Sprachhilfe, Unterstützung beim Ausfüllen der zahlreichen Formulare, Begleitung zu Ämtern, Ärzten etc.

 

 

In guter Kooperation zwischen Hauptamtlichen aus dem Landratsamt, Caritas und Diakonie, CJD, Rotem Kreuz, der Verwaltung der Stadt hier und den Ehrenamtlichen, war zügige Lösung

vieler Probleme möglich, und Riedlingen hat inzwischen an die 2000 Neubürger dazu gewonnen.

 

Dem Freundeskreis war von Anfang an auch an der Begegnung und dem gegenseitigen kennen lernen der alten und neuen Bewohner unserer Stadt gelegen. Bürger- und Stadtteilfeste wurden organisiert zuerst bei den Übergangs-wohnheimen, später im neuen Siedlungsgebiet Klinge, Informationsabende zum Kennen lernen und Vertiefen der christlichen Kultur und religiöse Orientierung. 50% der ankommenden Russlanddeutschen erklären bei ihrer Einreise, dass sie lutherisch sind, 15% katholisch, knapp 18% orthodox, der Rest gehört häufig einer Freikirche - Baptisten, Mennoniten- an oder sind Menschen jüdischen und muslimischen Glaubens.

 

 

Im Johannes-Zwick-Haus wurden für alle denkwürdige, fröhliche Weihnachtsfeiern gestaltet, mit

Unmengen in der Schulküche gemeinsam selbstgebackenen ‚Brötle’, Brauchtum zu Weihnachten und zu Ostern wurde erklärt und gefeiert, Frauenabende mit wichtigen Informationen über das Gesundheitswesen weitergegeben, und es wurde getanzt und gelacht mit und ohne Sprache; durch Ausflüge die oberschwäbische Heimat erkundet – auch mit den Kindern vom neuen Kindertreff auf der Klinge – oder den Kindern aus Minsk, die fast 10 Jahre im Sommer zu Erholung hierher gekommen sind aus den von der Atomreaktorkatastrophe in Tschernobyl geschädigten Verhältnissen Weißrusslands.

 

Pfarrerin Dorothea Schwarz verstand es in den ersten 14 Jahren durch viele Anträge, Gelder und Zuschüsse für die Aktivitäten zu erschließen, schon 1994 erhielt der Freundeskreis in einem Bundeswettbewerb eine Auszeichnung für „Vorbildliche Integration von Aussiedlern und zuletzt 2004 einen Ehrenamts-Preis des Landkreises, 2009 eine Auszeichnung des Diakonischen Werkes. Für drei Jahre hatte der Freundeskreis durch das Bundesamt für Migration eine hauptamtliche Unterstützung in der Sozialarbeit von Martin Wiegand, die inzwischen an

manchen Brennpunkten unserer Stadt schmerzlich vermisst wird,

 

denn alles ist von Ehrenamtlichen nicht zu leisten! Und mancher fragt sich, was wird aus dem gut aufgebauten Jugendzentrum Medium, wer organisiert den Anschluss?

 

Ein wichtiges Lernfeld für Hiesige und Neuzugezogene ist auch die gesellschaftliche Verarbeitung der enormen Veränderungsprozesse in der politischen Landschaft Europas: Zur Kultur und Öffentlichkeitsarbeit des Freundeskreises gehören so neben Musik- und Theaterveranstaltungen, nun schon zweimal viel beachtete geschichtliche Ausstellungen 1996 und eben 2006 „Das Russlandsdeutsche Haus“ - Geschichte und Gegenwart russlanddeutscher Kultur mit vielfältigen Kooperationspartnern hier in der Stadt vom Kino bis zur Musikschule, vom Rathaus übers Landratsamt bis wieder zu den Kirchen.

Aus Anlass des 20jährigen Bestehens des Freundeskreises war Anfang Sept. 2010 wiederum eine Ausstellung im Foyer der Kreissparkasse zu sehen mit zahlreichen Erinnerungen in Bildern und Berichten, von dem was war und gewachsen ist.

Integration,

 

das heißt von einander lernen, mit einander leben und aneinander wachsen.

 

Ein Sinnbild sind mir die Himbeer-Sträucher und Tomatensamen - aus Kasachstan mitgebracht, die jetzt nach Jahren endlich Früchte tragen in den „Frauengärten“ Riedlingens. Gehen wir pfleglich und sorgfältig damit um - Wurzeln schlagen und Heimat finden ist eine sensible Sache.

 

Das jüngste Kind des Freundes-kreises ist der Riedlinger Tafel-laden, der im Herbst 2007 eröffnet wurde, ein großes Team von Zugewanderten und Einheimischen leistet hier einen wichtigen Beitrag zur Armenhilfe, auch als Hilfe zur Selbsthilfe; der Laden ist  für manche ein Sprungbrett, doch noch einen Arbeitsplatz zu finden.

 

Wichtig ist uns weiterhin die Sprachhilfe (z.B. ein nieder-schwelliger Frauen-Sprachkurs im 1. Hlj. 2010 „Deutsch für jeden Tag“) und die

 

Unterstützung der Schulkinder. Das Projekt „Grundschüler fördern – von Anfang an“, ist zurzeit ein Schwerpunkt unserer Aktivität hier an der Joseph-Christian-Schule, dem soll auch der evtl. Ertrag unserer Feier sowie die Erlöse der Kleiderkammer zu gute kommen. – Danke,

 

Ihre

 

Pfrin. Steible-Elsässer